Goldberg365_293_04.Jan.2017

Wie auf Kommando landet ein Schwarm Tauben auf der Strasse, auf dem Gehsteig. Sie trippeln futtersuchend zwischen die geparkten Autos. Sie schwärmen aus, beachten mich nicht, da ich mich nur in extremer Langsamkeit, die ich, als sie kaum mehr als ein paar dutzend Zentimeter von mir entfernt sind, auch noch einfriere. Eine heftige Windböe, die Geräusche oder schnellen Bewegungen der aufgewirbelten Blätter, etwas setzt sie plötzlich in Bewegung. Und kaum hat sich die erste Taube erschreckt in die Luft erhoben, folgen die anderen. So plötzlich wie sie gekommen sind ist der Schwarm verschwunden.

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SERIE: GOLDBERG 365

 

Nummer: 365_293

 Datum: 04.01. 2017

 Uhrzeit Beginn : 13.47

 Uhrzeit Ende: 14.30

 Dauer: 43 Min.

 Land : Österreich

 Ort/Stadt : Wien

 Adresse : Fillgradergasse 5

 Geoposition : 48°11’59.54″N    16°21’32.99″E

 Fassung : Glenn Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen:

 Wetter : stark bewölkt, Schneeregen

 Temperatur : 0 Grad C

 Stichworte : Kommando, Schwarm, Fussfessel

 Streaming : –,   replay

 Zeugen: PassantInnen,

 Raummarker: Stephanie Rauch

 

Ich behalte die Langsamkeit bei, schiebe mich stetig antlang des der hausmauer entlang verlaufenden Markers. Gegenüber die Pension Mozart und unterhalb ein Pub. Rundherum eindrückliche Jugendstilarchitekturen von Wiener Grossbürgerhäusern.

Nach einem unvorhersagbaren Rhythmus wehen Böen von entgegengesetzter Seite. Dazwischen lange Phasen von Windstille, in denen die winterdürren Pflanzen in der Rabatte still stehen und auch der weisse Plastikbeutel, der sich dort verfangen bewegungslos verharrt. Die Luft wird merklich kühler.

 

Bewegungslosigkeit and Antidote zur Virtuosität?

Bewegungslosigkeit als Speicher für potenzielle Bewegung?

Bewegunslosigkeit als Rückzugsgebiet?

 

Nachstellschritt. Seitlich. Schrittmuster. Schritt für Schritt tripple ich ähnlich den Tauben von vorher den Gehsteig entlang. Niemand sieht das, selbst die wenigen Leute nicht, die vorübergehen. Die Frau mit Zigarette in der linken Hand und Hundeleine in der rechten, die, ohne das Rauchen zu unterbrechen das Trümmel ihres Lieblings von der Bordkante aufhebt.

Der Gehsteig, meine Non- Bühne für heute. Plötzlich ist er vom Muster vieler dunkler, feuchter Punkte bedeckt, als ob sie sich einen Wettbewerb böten mit dem Streukies, der ebenfalls aufliegt.

Der Innenminister hat sich für Fussfesseln für Verädchtige ausgesprochen. Ich verdächtige mich konstant, Verdächtig zu sein. Verweilen an enem Ort ohne ersichtlichen Grund ist verdächtig, könnte verdächtig sein.

Ich versetze meine ungefesselten Füsse in schnellere Bewegung, lasse sie und mich auf und ab gehen. Repetativ. In schneller Folge als könnte ich damit den Verdacht zerstreuen, entkräften. Entfesselte Füsse wäre übertrieben als sprachlicher Ausdruck für diese Gänge.

Hastig kommt mir eine junge Frau entgegen, weinend. Schnell geht sie vorüber, das Gesicht abwendend.

Goldberg365_292_03.Jan.2017

Regelmässig tropft das Schmelzwasser von den massiven Stahlträgern der Brücke und fällt direkt neben dem quadratischen Roh-Beton-Geviert in den Sand. Es zieht. Die vielen länglichen Flaggen, die das heruntergekommene Quartier kontrastieren, preisen die „Belgrade Waterfront“, und speziell ein Bauprojekt namens „Eaglehills“. Bislang sind nur massive Rohbauten zu sehen und es ist zu ahnen, dass der träumerische Schlaf und das langsame Zerfallen der Gegend hier bald dem sich abzeichnenden Gentrifizierungsschub zum Opfer fallen wird.

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SERIE: GOLDBERG 365

 

Nummer: 365_292

 Datum: 03.01. 2017

 Uhrzeit Beginn : 10.43

 Uhrzeit Ende: 11.27

 Dauer: 43 Min.

 Land : Serbien

 Ort/Stadt : Belgrad

 Adresse : Savamala

 Geoposition : 44°48’53.46″N    20°26’59.81″E

 Fassung : Glenn Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen:

 Wetter : klar

 Temperatur : 0 Grad C

 Stichworte : Schmelzwasser, Money, Art

Streaming : –,   replay

 Zeugen: PassantInnen,

 

Raummarker: Stephanie Rauch

 „Make Money, not Art“ haben Zyniker auf die Hauswände gesprüht Hinter dem Strassenschild, das die Richtng nach Novi Belgrad anzeigt und einer Werbung für Visakarten nur wenige Meter versetzt. Unweit der Brücke steht eine mit Metallgittern und Holzplatten versperrte Hausruine. Bei den nächstliegenden Brückenpfeilern, steht hinter der Umzäunung ein Hund, er blickt trist zu mir her, legt sich dann nieder. Können Hunde depressiv sein? Es scheint so. Dieser regt sich nicht einmal, als mehrere andere Hunde vorbeikommen.

Sonne hinter bleigrauen Wolken. Nach kurzer Zeit verschwindet sie, der Wind frischt auf und feine Schneeflocken fallen.

Ein Vater mit drei Kindern kommt vorbei. Im einen Arm hält er einen wuscheligen, weissen Hund, an der anderen Hand das eine der Kinder, gefolgt von zwei Mädchen, die wie Ministrantinnen selbstgformte Schneebrocken tragen, als wären es heilige Eier. Sie gehen auf dieselbe verlassene völlig schneebedeckte Wiese zu, wie vorher eine Frau, deren Hund in einer pathetisch wirkenden Geste in die Mitte des Geländes gekackt hatte. Als der Vater den Hund wie einen Schneeball in die Wiese wirft, ist das das Zeichen, dass alle Kinder gemeinsam losstürmen.

„Du Beobachterperformer“, sage ich zu mir. „Nein, ich habe mich nicht vergessen“. Autos halten an der Kreuzung nebenan, ein Tanklaster, während ich mit der Diagonale der kleinen Bühne schaffe, auf der ich mich ausstelle. Ein älteres Ehepaar auf dem Rückweg vom Spazierengehen betritt meinen Raum, fast hätte ich gdacht, meinen Zeitraum.

Diagonale, mit Drehungen, Diagonal mit Stops, Diagonale mit der rechten Handfläche nach oben weisend und nach links ziehend, soweit ich kann, soweit sie kann.

Am andern Ufer der Save leuchtet eine Huawei Reklame, Schienen ohne Züge verschwinden in einem Tunnel auf der einen Seite in der Ferne auf der anderen.

Ein Mann mit Koffer und Laptoptasche stakst an mir vorüber, überquert die Geleise, stellt sich vor den depressiven Hund hinter Gittern und beginnt zu warten. Ab und an blickt er auf seine Armbanduhr. Auf der Wiese tragen nun die drei Kinder in Einerkolonne grössere Schneebrocken und schichten sie aufeinander. Der Wind frischt auf, die Eagle Hill Flaggen flattern. Es beginnt sanft zu schneien. Ich war hier.

Goldberg365_291_02.Jan.2017

Massiv steht die Betonschale vor der weihnachtlich dekorierten Front des Hotel Majestic und dem Wintergarten des Café Opera nebenan. Zwei nicht mehr ganz junge Damen machen Selfies, wobei sie sich vor der Gipsfigur eines Mädchens mit nackten Brüsten in Szene setzen. Die ältere der Beiden, verabschiedet sich dann, geht sehr fragil genau in einem durch dunklere Bodenplatten markierten Streifen, der wie eine Piste wirkt und stützt sich dabei mit dem nach links abgespreizten Stock.

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SERIE: GOLDBERG 365

 

Nummer: 365_291

 Datum: 02.01. 2017

 Uhrzeit Beginn : 21.44

 Uhrzeit Ende: 22.27

 Dauer: 43 Min.

 Land : Serbien

 Ort/Stadt : Belgrad

 Adresse : Oblicev Venac 28

 Geoposition : 44°48’54.31″N    20°27’31.84″E

 Fassung : Glenn Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen:

 Wetter : klar

 Temperatur : – 4 Grad C

 Stichworte : Brüste, Piste, Raki

Streaming : –,   replay

 Zeugen: PassantInnen,

 Raummarker: Stephanie Rauch

 

Meinen Marker habe ich um einen Ausschnitt der Betonschale herum drapiert. Ich scheine zu wirken, wie ein Wächter. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Wächter des Hotels, in dem ich übernachte. Die Stadt ist mir fremd, am Nachmittag hat mich eine Kuratorin empfangen und zu einem typische serbischen Essen eingeladen. Zum Auftakt mit heissem Raki, später gefolgt von Rotwein. Das eher schwere Essen und der ungewohnte Alkohol haben mich so müder gemacht, dass ich im überheizten Zimmer eingeschlafen bin. Und erst verspätet und mit leichtem Erschrecken bemerkte, dass ich die heutige Version noch nicht performt hatte. Peformance und Leben.

Ein Mann steht unweit von mir, mustert mich, steht, wartet, so dass ich nicht sicher bin, ob wir Kollegen sind, er erscheint mir nun als Wächter des Operncafe´s. Warten. Warte ich? Die Variationen erklingen und werden immer wieder durch Songs aus einem Aussenlautsprecher des Operncafé´s herausgefordert. Titanic. Warte ich? Auf den grossen Impuls? Der tritt nicht ein. Leicht fröstelnd bewege ich mich vor der Schale auf und ab.

Eine Frau aus dem zweiten Fenster von rechts im vierten Stock betrachtet mich. Wie lange schon, frage ich ich? Sie bleibt mehrere Minuten lang dort, starrt herunter, zu mir, der ich lose Bewegungsfolgen aneinanderknüpfe. Das hat viel mit Gehen zu tun.

Warte bis es Nacht wird, hat die Kuratorin gesagt, dann werden die Strassen bevölkert. Aus einem nahen Club kommt ein Schwarm Mädchen. Lachend posieren sie für ein Gruppenselfie, machen sich dann auf Richtung Hauptstrasse. Tatsächlich herrscht ein reges Kommen und Gehen. Meine Bewegungen sind nicht sehr inspiriert. Eher stumpf fühlt sich das an. Auf der einen Seite der Strasse kämpfen zwei junge Männer, es ist nicht ganz klar, wie ernst sie es meinen. Auf der anderen Seite knutscht ein Pärchen.

Ich setze Schritt um Schritt, gehe auf und ab, ziehe ein Geflecht von Linien.

Goldberg365_290_01.Jan.2017

Winterlicht. Weisslich, kalt, neblig, dampfend in der Kälte. Aus einem Abwasserschacht steigen Dampfwolken empor, in Wolken kondensiert auch mein Atem. Baustelle, neue Architektur, Kuben übereinandergeschichtet in riesiger Dimension. Dampfende Kälte und grell-weiss die Sonne sich langsam auf einer Bahn dem höchsten Würfel nähernd.

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SERIE: GOLDBERG 365

 

Nummer: 365_290

 Datum: 01.01. 2017

 Uhrzeit Beginn : 12.59

 Uhrzeit Ende: 13.43

 Dauer: 44 Min.

 Land : Österreich

 Ort/Stadt : Wien

 Adresse : Am Belvedere

 Geoposition : 48°11’9.76″N     16°22’48.20″E

 Fassung : Glenn Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen:

 Wetter : Sonne durch Nebel

 Temperatur : – 4 Grad C

 Stichworte : Winterlicht, Dampf, Kälte

Streaming : –,   replay

 Zeugen: PassantInnen,

 Raummarker: Stephanie Rauch

 

Kräne stehen still. Die Baustelle ruht. Einzig ein Wächter geht langsamen Schrittes am Bauzaun entlang. Von Ferne beobachtet er mich, je näher er kommt, est o gelichgültiger gibt er sich. Er bleibt nur wenige Meter entfernt stehen, sieht sich die menschenleere Baustelle an, geht dann weiter, schlurfenden Schrittes in seinem dunkelblauen SECURITAS Outfit.

Nur um wenige Minuten verschoben der Wächter des ERSTE Zentrums auf seinem Inspektionsgang, der ihn rund um das Gebäude führt. Er ist deutlich jünger, geht schnellen Schrittes entlang des Gebäudes, bestimmete Stellen betrachetet er genauer. Ohne zu zögern biegt er um die Ecke, verschwindet in der Tiefe des Geländes.

Die Himmelsrichtungen. Ich stehe Richtung Westen positioniert, atme, drehe mich langsam. Das Gewicht in die Fussohlen, in die Fussballen verlagernd, bevor ich den rechten Fuss sachte anhebe und leicht angwinkelt wieder aufsetze. Nördlicher. Ich bin unterwegs Richtung Norden. Ich lasse mir Zeit. Die Sonne streift meine Wange, dann, während ich mich weiter drehe spüre ich sie in Nacken. Nördlich. Nord. Norden. Der Marker ist auf einer Nord-Süd Achse ausgelegt. Rechts in meinem Blickfeld das beinahe lächerlich anmutende Holzhäuschen, dessen Weihnachtshüttencharme so gar nicht zur kalten Architektur rundherum passen will.

Ich drehe mich weiter, verlasse die nördliche Ausrichtung jetzt, drehe mich ebenso sacht und präzis in mehreren kleinen Schritten weiter nach Osten. Flaggen wehen im Wind, die eine hat er wohl zu stürmischeren Zeiten abgerissen.

Es kommen Spaziergänger vorbei. Eine Frau mit schwarzem Kopftuch und violetter Schürze. Eine Joggerin in schwarzem Sportdress.

Ich hebe meinen Fuss, erst den rechten, dann den linken positioniere sie neu, Richtung Sonne, Richtung Süden.

Jetzt lasse ich den Bewegungen freieren Lauf, Greife mit den Händen und Armen entlang des Körpers aus. Stosse mich an, schiebe mich aus dem einen Gleichgewicht in ein nächstes und wieder nächstes. Fast steht sie still, die Sonne, so scheint es. Der erste Tag des Jahres. „Arschlochjahr“ haben Künstler zu Silvester das scheidende Jahr benannt und es ohne zu zögern ziehen lassen. Rechtswende in Europa, Fremden- und Kunstfeindlchkeit. Dampfender Nebel, gelissendes Licht, beinahe Stillstand. Noch. Das Jahr ist frisch.