Goldberg 365

Inspiriert durch Steve Paxton und seine Untersuchungen zu Variation und Improvisation, die er in den 80er Jahren zur Musik der Bachschen Goldbergvariationen in Theatern aufführte, und welche damals die tänzerische Improvisation in der Choreografie etablierten, kam die Idee eines morgens bei der täglichen Körperarbeit auf: Die musikalische und inhaltliche Klammer der „Goldbergvariationen“ zu übernehmen und ein Jahr lang in öffentlichen Räumen zu performen.

Goldberg 365

Motiviert ist dieser Ansatz durch ein gewisses Bedauern über einen Verlust an tänzerischer Bewegung, der sich in meinem Leben in den letzten Jahren beinahe schleichend vollzogen hatte. Dem gegenüber stehen andererseits die tägliche Erforschung kleinster Bewegungsräume, das Nachdenken über Faszien und ihre Wirkung auf Bewegung, die Rückkoppelung an Erfahrungen im Butoh Tanz, der mir schwer zugänglich war anlässlich meiner Zusammenarbeit mit Mai Juku und Tanaka Min 1986 und den ich retrospektiv neu zu entdecken beginne. Nun eher als ein Labor für das, was der Körper machen kann, jenseits linearer Bewegungsästhetiken, im Spiel mit spontanen Choreografien kleinster Bewegungen, wie auch der Ästhetik, die das auslöst. Eine queere Fusion unterschiedlicher Praktiken, die ich subjektiv vernetze: Das Verharren und „still werden“ begegnet mir im Tai Chi, wie auch das Konzept eines „Beginns der Bewegung in der Imagination“. Über das Stehen als Praxis der Link zu Steve Paxtons „Small dances“, „Stehen als Tanz“. Vielleicht auch etwas Trotz, gerade weil seitens des Marktes, die scheinbare berufliche Disqualifikation erfolgt – aufgrund eines Primats vorherrschender Jugendlichkeits – und Schönheitsideale des Körpers und rein aufgrund physischen Alters.

Goldberg365: Ein rhizomatisches Geflecht aus Elementen, welche sich hybrid oder auch queer verbinden und Aufspannen zwischen den Feldern meiner persönlichen performativen Kunstpraxis und Theorien im Versuch, gegenüber oftmals disziplinierenden Restriktionen, die mit „Tanz“ einhergehen spontane Zugänge zu ephemeren Momenten als konsequente, tägliche Variation sich wandelnder Formen zu finden.

Allerdings ist klar, dass die Schwerpunkte meiner Interessen woanders liegen als bei Paxton: Im Hinaustragen der Variationen in öffentliche Räume. In Anwendungen im Urbanen, als nonlineare künstlerische Vermessungsarbeit. Im Mitnehmen physischen Nachdenkens mit dem Körper und der bewusst gesuchten Zufälligkeit des sich Aussetzens. Die Kollision der subjektiven Maßstäbe dessen, was „Tanz“, „Bewegung“, aber auch „Performance“ unter den jeweils gegebenen Bedingungen gerade bedeutet, mit den Maßstäben anderer, deren Blicke vielleicht an mir haften bleiben. Im Ausloten der Präsenzen von Räumen, des Unausgesprochenen darin, des Definierten, wie auch des Undefinierten. Es stellt sich auch die Frage nach dem 3. Raum, dem anderen Raum, die etwa Jack Hauser im Kontext des Performativen generell stellt. Diese Frage verwebt sich mit derjenigen nach den virtuellen Räumen, die mich umgeben, meistens ohne dass ich mir ihrer gewahr bin, jedoch spätestens im Gebrauch des Smartphones als eines der Gadgets, das ich mit mir trage, nahe am Körper meistens, das ich bereits als Teil desselben wahrnehme, das den mobilen Zugang zu Daten und Information erlaubt und mich als Teil der erdumspannenden, digitalen Wolke markiert. Die Lust am Spiel und Experiment zwischen Gegenwart, Zukunft und Vergangenheit – zwischen den Polen der Musik Bach´s und als Kontrapunkt , den Prinzipien von Cage – die letztlich aber im öffentlichen Raum auf das gesamte musikalische und auditive Spektrum von Noise bis hin zu Pop treffen.

Als Marker jenes 3. Raumes fungiert ein portables Element, gestaltet von der Bühnenbildnerin Stephanie Rauch, ein künstliches Element, das im Alltäglichen interveniert und auch auf die Transdisziplinarität der performativen Unternehmung hinweist. Die Dauer der Serie über 365 Tage unterläuft einerseits übliche Vermarktungsmuster von Performance, schafft aber auch die Möglichkeit, eine grosse Anzahl von Aufführungen zu realisieren – die wiederum die Frage der Verbindungen von Kunst und Leben, aber auch öffentlicher und privater Räume thematisieren.

Das Verhältnis zum Publikum wandelt sich täglich, von zeitweiliger Abwesenheit des Publikums über spontane Begegnungen mit demselben bis hin zu geladener Zeugenschaft oder zur Partizipation kann sich die Klammer öffnen.

Ebenso wie die Frage nach der (physischen) Gegenwart von Publikum stellt sich diejenige nach der Dokumentation.

In Betonung der ephemeren Natur von Performance verfolge ich das Konzept, diese aus eigenem Ansatz nur als „Leerstelle“ zu markieren: Ein schriftliches Dokument erfasst die räumlichen Daten und Bedingungen der Performance, diese werden ergänzt durch einen subjektiven Text sowie eine Sequenz von Fotos, welche die Erfassung des Raumes der Performance vervollständigen. Die Performance selbst wird nicht dokumentiert bis auf den paradoxen Einsatz einer allerdings ephemer angelegten digitalen Dokumentation: Durch den Einsatz eines Smartphones wird die Performance zur „live“ Performance, die durch Twitter /Periscope, einem Socialmedia Kanal, zu potentiellem Publikum gestreamt wird. Allerdings bleiben diese Daten nur 24 Stunden im Netz bevor sie wieder gelöscht werden.

 

english / short version

Inspired by choreographer, performer, „realtime composer“ and improviser Steve Paxton goldberg365 started as a project of ongoing improvisation in public space on a daily basis, dancing and performing, using the frame of the so called Goldberg-variations bei baroque composer Johann Sebastian Bach. Yet Aschwandens interests are more focused on adapting and performing the variations in public space then in theatres, related to, and within the textures of the urban, as a nonlinear mapping, taking along phisical forms of thinking with the body. Measuring the spaces and locations, the not outspoken there, the defined as well as the undefined. Stage designer Stephanie Rauch created a portable space marker which, once unfolded intervenes in the everyday life, supports place making. The series lasting over a period of 365 days speaks about potential relations of art and life in the context of public and privat space. Goldberg 365 intends to variate the variation on all levels: sound, space, movement. Aotu´s version will operate on a soundtrack created especially for the event by Beijing experimental and noise musician Liu Xinyu relating to the the original of Johann Sebastian Bach.