Goldberg365_162_26.Aug.2016

Le „chemin du repos“ „Weg der Ruhe“, an dem ich für ein paar Tage wohne entpuppt sich als Zubringerstrasse zum Friedhof. Vor wenigen Stunden habe ich die Nachricht vom Tod eines Künstlerkollegen, mit dem ich im Team an der Kunst Uni zusammenarbeitete bekommen. Mich macht das sehr betroffen und löst eine tiefe Traurigkeit aus.

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SERIE          : GOLDBERG 365

 

Nummer         : 365_162

 Datum          : 26.08. 2016

 Uhrzeit Beginn : 15.47

 Uhrzeit Ende   : 16.29

 Dauer          : 42 Min.

 Land           : Schweiz

 Ort/ Stadt/    : Genève Petit Lancy

 Adresse        : Chemin de repos

 Geoposition    : 46°11’50.13″N 6° 7’8.90″E

 Fassung        : Glen Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen: —

 Wetter         : sonnig

 Temperatur : 30 ºC

 Stichworte     : Tod, das Abstrakte, Schatten,

          Streaming      : Periscope — live, — replay

 Zeugen        : Telefonierender, Telefonierende, Frau mit drei

               Kindern

 Raummarker: Stephanie Rauch

 

In dieser Stimmung finde ich den Ort gleich um die Ecke. Das Abstrakte des grünlichen Glases, daneben die reduzierten Formen eines Weges, der abgegrenzt von Betonmauern zu einem undefinierten Ort von dem seitlich Licht hereinflutet, die Fassade mit durchwegs geschlossenen Fenstern scheint mir geeignet für die heutigen Variationen. Und, hinter den geparkten Autos liegt, von einem Zaun abgegrenzt, ein Friedhof.

Nun stehe ich an diesem heissen Spätsommertag im Schatten eines riesigen Gebäudes, meinen Marker lasse ich beinahe ausschliesslich die schwarze Seite zeigen, blicke zwischen den Bäumen durch, wo sich am Horiont grosse Kumuli zu wölben beginnen.

In Zeitlupe klumpen sich die Wolken, wachsen, quellen, driften unwirklich in den blauen Ausschnitt den die Bäume begrenzen. Stille. Stille gegen Goldberg. Stille in Goldberg.

Ein Mann steht an der Ecke, spricht geduldig in sein Smartphone. Mir ist zum Heulen, und ich bin froh, dass ich eine dunkle Brille trage. Warum trifft mich das so? Man weint meistens um sich selbst, wenn andere gehen. Schock der plötzlichen Endlichkeit, Schock, vielleicht nicht die Ziele erreicht zu haben, die ich imaginierte? Schock über das, was unausgedrückt in mir ruht, Schock über die Unperfektheit des Lebens, über das Scheitern des Begehrens?

Eine Frau nähert sich mit drei Kindern, die, anders als zwei Männer in Malerarbeitskleidung sofort meinen Marker und mich bemerken UND Reaktion zeigen, scheuhe Neugier, ein Lächeln. Älterer Mann mit dunkler Mütze und Brille steht, sich langsam bewegend, als ob er wartete, neben einem seltsam dunklen Kunststoffobjekt. Und einer bedruckten Packung Brausepulver, die unmittelbar daneben liegt, unweit der benachbarten Betonsäule.

An der Ecke löst eine Frau den Telefonierenden ab. Dahinter werden Gebrauchtwagen verkauft. Ein Schild weist den Weg zum Krematorium. Wenig Verkehr, schliesslich ein metallisiert grauer Mercedes eines Bestattungsunternehmens. Lieber Karl Heinz, du hast Dich verabschiedet, sehr plötzlich und völlig unerwartet.

Stille.

Ich bleibe an einer kreisrunden Öffnung hängen, die in die Rückwand einer Grabkappelle eingebracht ist. Da ist immer einfach die Luft, die auch draussen ist, denke ich. Da ist immer Luft. Ein langer Atemzug. Dann keiner. Ein Luftzug.

Von hinten naht eine Gruppe von Leuten, angeführt von einer Frau mit einem Blumenstrauss in der Hand. Suchend blicken sie die Fassade auf und ab. Es gibt hier keien Nummern. Alle gehen weiter, sich auffächernd, überqueren die Strasse, “une dizaine de personnes“ wie man hier sagen würde, fluten durch ein offenens Tor in den Friedhof hinein, schliesslich.

Abschied.

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