Goldberg365_289_31.Dez.2016

Die Kletteranlage liegt verlassen im Licht der Strassenbeleuchtung. Die Betonobjekte mit den aufmontierten Griffen wirken wie seltsame Pflanzen. Aufgesprühte Buchstaben bleiben vereinzelt stehen, formen erst später Sinn. SiEG steht da. Sieg über die Schwerkraft? Wer verwendet dieses Wort heute in Westeuropa? In Österreich? Unangenehm.

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SERIE: GOLDBERG 365

 

Nummer: 365_289

 Datum: 31.12. 2016

 Uhrzeit Beginn : 21.27

 Uhrzeit Ende: 22.09

 Dauer: 42 Min.

 Land : Österreich

 Ort/Stadt : Wien

 Adresse : Längenfeldgasse U4 Station

 Geoposition : 48°11’4.63″N     16°20’4.52″E

 Fassung : Glenn Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen:

 Wetter : klar

 Temperatur : – 5 Grad C

 Stichworte : Buchstaben, Kies, Rakete

Streaming : –,   replay

 Zeugen: PassantInnen,

 Raummarker: Stephanie Rauch

 

Ich breite den Marker zu einem Winkel aus.

Kies. Rundherum Kies, in dem meine Schritte knirschen. Knirschen und einsinken, bis sie wieder Halt finden. Ich finde Halt an der Musik. Der Raum ist weit, ich öffne die Arme, lasse grosse Zeichen entstehen, einen Fluss knirschender Schritte, wende mich dem Boden zu, setze meinen Schwerpunkt tief, wirbele zwischen den asymmetrischen Kletter- Objekten mit ihren schrägen Flächen.

Gegenüber, hinter dem Kanal des Wienflusses hält ein Superhummer vor einem Hotel, ein langgestrecktes Gefährt mit drei Hinterachsen. Menschen laufen aufgeregt zwischen Lobby und parkendem Gefährt hin und her.

Hin und her bewege auch ich mich. Zwei Jungs, die sich in der Nähe herumtreiben, einer davon mit einer hohen Stimme, nehmen Anlauf, stürmen auf eines der Objekte zu und erklimmen es mit dem Schwung der Eigenbewegung. Sie blicken verblüfft auf mich, bislang war ich verdeckt durch das Objekt, auf dem sie nun stehen.

In der Nähe beginnt ein Familienvater, der mit einer Packung Raketen angekommen ist, Stück um Stück in einen köcher zu legen und deren Zündschnüre eine nach der anderen anzuzünden. Fauchend und einen Feuerschweif hinter sich herziehend schiessen die Raketen einzeln hoch, bis sie in Funkengarben explodieren. Sachte sinkt die verbelibende Rauchspur mit einem dickeren Knäuel am Ende wieder zum Boden zurück.

Das alte Jahr neigt sich dem Ende zu. Rundherum explodieren bereits Knallkörper und Raketen. Die Kinder der Familie laufen jedesmal, wenn eine Zündschnur angesteckt wird aufgeregt zur Seite, gefolgt von ihrem Vater. Sie legen ihre Köpfe in den Nacken, folgen der rasenden Spur und stossen entzückte Schreie aus, wenn mit einem Knall ein flüchtiges Lichtmuster in den Himmel gezeichnet wird.

Auch ich folge den Raketen, nehem ihre Bewegungen auf, lasse die farbigen Explosionen als Impulse wirken, setze kleine Staccatos meiner Füsse in den Kies.

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