Goldberg365_291_02.Jan.2017

Massiv steht die Betonschale vor der weihnachtlich dekorierten Front des Hotel Majestic und dem Wintergarten des Café Opera nebenan. Zwei nicht mehr ganz junge Damen machen Selfies, wobei sie sich vor der Gipsfigur eines Mädchens mit nackten Brüsten in Szene setzen. Die ältere der Beiden, verabschiedet sich dann, geht sehr fragil genau in einem durch dunklere Bodenplatten markierten Streifen, der wie eine Piste wirkt und stützt sich dabei mit dem nach links abgespreizten Stock.

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SERIE: GOLDBERG 365

 

Nummer: 365_291

 Datum: 02.01. 2017

 Uhrzeit Beginn : 21.44

 Uhrzeit Ende: 22.27

 Dauer: 43 Min.

 Land : Serbien

 Ort/Stadt : Belgrad

 Adresse : Oblicev Venac 28

 Geoposition : 44°48’54.31″N    20°27’31.84″E

 Fassung : Glenn Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen:

 Wetter : klar

 Temperatur : – 4 Grad C

 Stichworte : Brüste, Piste, Raki

Streaming : –,   replay

 Zeugen: PassantInnen,

 Raummarker: Stephanie Rauch

 

Meinen Marker habe ich um einen Ausschnitt der Betonschale herum drapiert. Ich scheine zu wirken, wie ein Wächter. Vielleicht bilde ich mir das nur ein. Wächter des Hotels, in dem ich übernachte. Die Stadt ist mir fremd, am Nachmittag hat mich eine Kuratorin empfangen und zu einem typische serbischen Essen eingeladen. Zum Auftakt mit heissem Raki, später gefolgt von Rotwein. Das eher schwere Essen und der ungewohnte Alkohol haben mich so müder gemacht, dass ich im überheizten Zimmer eingeschlafen bin. Und erst verspätet und mit leichtem Erschrecken bemerkte, dass ich die heutige Version noch nicht performt hatte. Peformance und Leben.

Ein Mann steht unweit von mir, mustert mich, steht, wartet, so dass ich nicht sicher bin, ob wir Kollegen sind, er erscheint mir nun als Wächter des Operncafe´s. Warten. Warte ich? Die Variationen erklingen und werden immer wieder durch Songs aus einem Aussenlautsprecher des Operncafé´s herausgefordert. Titanic. Warte ich? Auf den grossen Impuls? Der tritt nicht ein. Leicht fröstelnd bewege ich mich vor der Schale auf und ab.

Eine Frau aus dem zweiten Fenster von rechts im vierten Stock betrachtet mich. Wie lange schon, frage ich ich? Sie bleibt mehrere Minuten lang dort, starrt herunter, zu mir, der ich lose Bewegungsfolgen aneinanderknüpfe. Das hat viel mit Gehen zu tun.

Warte bis es Nacht wird, hat die Kuratorin gesagt, dann werden die Strassen bevölkert. Aus einem nahen Club kommt ein Schwarm Mädchen. Lachend posieren sie für ein Gruppenselfie, machen sich dann auf Richtung Hauptstrasse. Tatsächlich herrscht ein reges Kommen und Gehen. Meine Bewegungen sind nicht sehr inspiriert. Eher stumpf fühlt sich das an. Auf der einen Seite der Strasse kämpfen zwei junge Männer, es ist nicht ganz klar, wie ernst sie es meinen. Auf der anderen Seite knutscht ein Pärchen.

Ich setze Schritt um Schritt, gehe auf und ab, ziehe ein Geflecht von Linien.

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