Goldberg365_292_03.Jan.2017

Regelmässig tropft das Schmelzwasser von den massiven Stahlträgern der Brücke und fällt direkt neben dem quadratischen Roh-Beton-Geviert in den Sand. Es zieht. Die vielen länglichen Flaggen, die das heruntergekommene Quartier kontrastieren, preisen die „Belgrade Waterfront“, und speziell ein Bauprojekt namens „Eaglehills“. Bislang sind nur massive Rohbauten zu sehen und es ist zu ahnen, dass der träumerische Schlaf und das langsame Zerfallen der Gegend hier bald dem sich abzeichnenden Gentrifizierungsschub zum Opfer fallen wird.

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SERIE: GOLDBERG 365

 

Nummer: 365_292

 Datum: 03.01. 2017

 Uhrzeit Beginn : 10.43

 Uhrzeit Ende: 11.27

 Dauer: 43 Min.

 Land : Serbien

 Ort/Stadt : Belgrad

 Adresse : Savamala

 Geoposition : 44°48’53.46″N    20°26’59.81″E

 Fassung : Glenn Gould

 Sound via : Kopfhörer

 Partner/

Kollaborationen:

 Wetter : klar

 Temperatur : 0 Grad C

 Stichworte : Schmelzwasser, Money, Art

Streaming : –,   replay

 Zeugen: PassantInnen,

 

Raummarker: Stephanie Rauch

 „Make Money, not Art“ haben Zyniker auf die Hauswände gesprüht Hinter dem Strassenschild, das die Richtng nach Novi Belgrad anzeigt und einer Werbung für Visakarten nur wenige Meter versetzt. Unweit der Brücke steht eine mit Metallgittern und Holzplatten versperrte Hausruine. Bei den nächstliegenden Brückenpfeilern, steht hinter der Umzäunung ein Hund, er blickt trist zu mir her, legt sich dann nieder. Können Hunde depressiv sein? Es scheint so. Dieser regt sich nicht einmal, als mehrere andere Hunde vorbeikommen.

Sonne hinter bleigrauen Wolken. Nach kurzer Zeit verschwindet sie, der Wind frischt auf und feine Schneeflocken fallen.

Ein Vater mit drei Kindern kommt vorbei. Im einen Arm hält er einen wuscheligen, weissen Hund, an der anderen Hand das eine der Kinder, gefolgt von zwei Mädchen, die wie Ministrantinnen selbstgformte Schneebrocken tragen, als wären es heilige Eier. Sie gehen auf dieselbe verlassene völlig schneebedeckte Wiese zu, wie vorher eine Frau, deren Hund in einer pathetisch wirkenden Geste in die Mitte des Geländes gekackt hatte. Als der Vater den Hund wie einen Schneeball in die Wiese wirft, ist das das Zeichen, dass alle Kinder gemeinsam losstürmen.

„Du Beobachterperformer“, sage ich zu mir. „Nein, ich habe mich nicht vergessen“. Autos halten an der Kreuzung nebenan, ein Tanklaster, während ich mit der Diagonale der kleinen Bühne schaffe, auf der ich mich ausstelle. Ein älteres Ehepaar auf dem Rückweg vom Spazierengehen betritt meinen Raum, fast hätte ich gdacht, meinen Zeitraum.

Diagonale, mit Drehungen, Diagonal mit Stops, Diagonale mit der rechten Handfläche nach oben weisend und nach links ziehend, soweit ich kann, soweit sie kann.

Am andern Ufer der Save leuchtet eine Huawei Reklame, Schienen ohne Züge verschwinden in einem Tunnel auf der einen Seite in der Ferne auf der anderen.

Ein Mann mit Koffer und Laptoptasche stakst an mir vorüber, überquert die Geleise, stellt sich vor den depressiven Hund hinter Gittern und beginnt zu warten. Ab und an blickt er auf seine Armbanduhr. Auf der Wiese tragen nun die drei Kinder in Einerkolonne grössere Schneebrocken und schichten sie aufeinander. Der Wind frischt auf, die Eagle Hill Flaggen flattern. Es beginnt sanft zu schneien. Ich war hier.

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